„Terror“ von Ferdinand von Schirach (Rezension und kleine Theaterkritik)

Auf der Leipziger Buchmesse habe ich mir unter anderem Ferdinand von Schirachs Terror gekauft. Das hatte den einfachen Hintergrund, dass ich Karten für eine Vorstellung hatte und das Stück gerne vorher gelesen haben wollte. Auf der Zugfahrt nach Salzburg habe ich mir das kleine Büchlein vorgenommen. Ich hatte natürlich ein wenig den Skandal der Fernsehausstrahlung im Hinterkopf. Außerdem hatte ich sowohl einiges Negative wie auch Positive von Bekannten gehört.

Zum Inhalt

Das Stück wirft ein moralisches Dilemma auf: Darf ich einige wenige Personen töten um viele Andere zu retten?

Es handelt sich um eine Gerichtsverhandlung über Major Lars Koch. Dieser hat gegen seine Befehle gehandelt und eine Passagierflugmaschine mit 164 Personen an Bord abgeschossen. Die wurde zuvor von Terroristen entführt und raste auf ein voll besetztes Stadion zu, in welchem sich 70.000 Menschen befanden. Der Verteidiger und die Staatsanwältin diskutieren an dem Fall die Frage, ob ein Menschenleben gegen ein anderes aufgewogen werden darf. Außerdem wird die Frage gestellt, ob man den Terror besiege, indem man sich ihm beuge oder ob eben dieses Nicht-Beugen doch die eigentliche Stärke eines Rechtsstaates ist.

Das Publikum (ob nun vor dem Fernseher, während eines Theaterstückes oder während des Lesens) ist am Ende aufgefordert, das Urteil über Lars Koch zu sprechen. Beide Urteile, also der Freispruch wie auch der Schuldspruch, sind mit nahezu gleich beginnender Argumentation abgedruckt. Im Prinzip geht es aber nicht darum, Koch für schuldig oder unschuldig zu sprechen, sondern darum, ob seine Tat (die er nicht bestreitet) verurteilenswert ist…

Meine Meinung zum StückP1000683

Ich fand das Stück wirklich fesselnd. Ich bin zwar keine Juristin, habe jedoch während meines Studiums eine „Einführung in die Grundlagen des Rechtssystems“ besucht. Ein bisschen habe ich mich daher auch schon mit der Frage beschäftigt, was unser Rechtssystem eigentlich ausmachen sollte.

Die Gerichtsverhandlung ist sehr nüchtern beschrieben und erinnert an ähnliche Stücke in denen Gerichtsverhandlungen geschildert werden. Neben dem Vorsitzenden, der quasi moderiert, treten die Staatsanwältin und der Anwalt auf, ebenso wie der Angeklagte Lars Koch, die Nebenklägerin (die Frau eines der Getöteten) sowie Oberstleutnant Lauterbach als Zeuge. Auffällig sind die philosophischen Beispiele, die von der Staatsanwältin und dem Anwalt genutzt werden, um die Leser zu einer Urteilswahl zu bewegen. Der Leser wird am Ende aufgefordert, das Urteil „Schuldig“ oder „Unschuldig“ zu sprechen und bekommt beide Urteile vorlegt. Interessant ist, dass die beiden Urteile mit einem nahezu gleichen Wortlaut beginnen und sich dann nur die Argumentation wandelt.

Ob das Buch das rechtlich sehr komplexe Thema gut wiedergibt, kann ich nicht sagen. Dazu fehlt mir die Expertise. Ich fand es jedoch spannend die beiden gegensätzlichen Argumentationen zu durchdenken, da beide etwas sehr logisches und nachvollziehbares haben. Mein Freund (er hatte das Stück auch gelesen) und ich haben daher auch gegensätzliche Urteile getroffen.

Die Theatervorstellung

Auf die Vorstellung war ich wirklich sehr gespannt. Ich hatte natürlich Berichte zur Ausstrahlung im Kopf und war daher super neugierig, wie die Inszenierung sein würde. Mein Freund und ich saßen in einer Loge auf der rechten Seite, sodass der Arme leider nicht so gut sehen konnte, da er mir den besseren Sitzplatz überließ. Kurz bevor das Stück begann, öffnete sich dann die Tür hinter uns und wir erhielten jeder eine Münze. Die Münze war unbedruckt und sehr schmucklos, was ich jedoch passend fand, da sie eine gewisse Würde ausstrahlte. Die Stimmung im Publikum war neugierig bis erwartungsvoll.

P1000436Die Darsteller waren allesamt sehr gut, auch wenn die Figuren ein wenig von meinen Erwartungen abwichen. Lars Koch wurde jünger dargestellt, als er im Stück beschrieben wurde. Dadurch wirkte er auf mich ein wenig unglaubwürdiger. Zudem wurde das Publikum meiner Meinung nach stärker gedrängt, freizusprechen als ich es im Stück empfunden hatte. Die Staatsanwältin wirkte teilweise sehr unsicher, auch dies führte natürlich dazu, dass man stärker zu einem Freispruch geführt wurde. Kurz vor Ende des Stückes, war es dann so weit: Das Publikum wurde aufgefordert, ein Urteil zu sprechen. Die Türen wurden geöffnet und alle mussten aus dem Saal herausgehen. Draußen waren an drei Standorten Urnen aufgebaut – die eine trug ein Schild mit Schuldig, die andere Nicht Schuldig. Nachdem jeder seine Münze eingeworfen hatte, wurde das Publikum zurück in den Saal gebeten. Es gab eine kleine Wartezeit und dann wurden durch die Münzen aus den Urnen umgeschüttet in eine in der Pause aufgebaute Waage. Diese neigte sich schon bald dramatisch Richtung Nicht Schuldig.

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Das Urteil

Am  nächsten Tag haben mein Freund und ich noch an einer Führung durch das Salzburger Landestheater teilgenommen. Ich habe die Gelegenheit genutzt und gefragt, wie das Urteil bei anderen Aufführungen lautete. Anscheinend fällt das Publikum in den meisten Aufführungen das Urteil Nicht Schuldig. Auch in den anderen Spielhäusern, in denen es Aufführungen stattfanden, gab es diese Tendenz.

Mein Freund und ich haben an diesem Abend noch lange über das Stück wie auch die Aufführung diskutiert. Ein absoluter Tipp! (Sowohl das Stück als auch die Theateraufführung)

Zum Buch

Ferdinand von Schirach – Terror. Ein Theaterstück und eine Rede

164 Seiten; 10,00 Euro (Taschenbuch)

978-3-442-71496-4

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