„Sand“ von Wolfgang Herrndorf

Bereits vor einer ganzen Weile wollte ich euch meine letzte Seminarlektüre, Sand von Wolfgang Herrndorf, vorstellen. Vor lauter Hausarbeiten geriet das irgendwie in Vergessenheit. Aber das Buch ist einfach zu gut, um es euch zu unterschlagen, deshalb hole ich das Versäumte nun hier nach:


Sand

1972. Eine Wüste in Nordafrika. Ein mysteriöser Mehrfachmord in einer Kommune, ein Verdächtiger, ein Polizist. Dann der Sandsturm: Der Protagonist erwacht in einer alten Schnapsbrennerei. Er wird verfolgt von mehreren Kriminellen, sie wollen eine Mine, deren Aufenthaltsort nur er kennt. Er flieht in die Wüste, vergräbt sich im Sand und entkommt.

Nach dem Schildchen in seinem Hemd nennt er sich Carl. Carl hat ein Problem: Er weiß nicht, wer er ist. Er weiß nicht, was er getan hat. Er weiß nicht, warum er gejagt wird. Er weiß nur; er muss herausfinden, wer er ist. Schnellstmöglich!

An einer Tankstelle trifft er auf die geheimnisvolle Helen. Helen, die als schön, aber dumm eingeführt wird und die dennoch so viel tiefschichtiger ist alszunächst vermutet. Sie nimmt ihn mit und will ihm helfen, seine Erinnerungen wiederzuerlangen. Der hübschen Kosmetik-Vertreterin aus Amerika wird er ja wohl unbedacht trauen können?

„Anspielungen, in dem Buch sind Anspielungen“, dachte ich, „ich will sofort mein Geld zurück.“

Sand, Viertes Buch: Die Oase, Kap. 38, vorangestelltes Zitat

Herrndorf schreibt wirklich unglaublich komplex. Fäden werden miteinander verknüpft, kaum ein loses Ende bleibt offen und bereits auf den ersten paar Seiten wird das Ende vorweggenommen. Dabei werden große wie kleine Dinge, Figuren, Handlungen miteinander verknüpft. Nach und nach entsteht ein vielschichtiges Gewebe, dessen Auflösung nach und nach erfolgt. Doch sind die Zeichen zur Auflösung so simpel und zugleich so gut versteckt, das wohl viele sie beim ersten Lesen schlicht überlesen. Die Amnesie des Protagonisten, der Sandsturm, der alle Erinnerungen an das zuvor Geschilderte tilgt, scheint sich auch auf den Leser auszuwirken.

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Der Aufbau *enthält Spoiler*

Der Roman selbst ist mit seinen fünf Büchern und der klassischen Schilderung eines Spionage- oder Agententhrillers auf einer oberflächlichen Ebene sehr einfach erzählt. Das erste Buch, der Vorbau der Geschichte, führt den Leser in die afrikanische Welt und legt das grobe Setting fest. Zudem werden alle Figuren umrissen und bereits erste Verknüpfungen gelegt. Die Figur des Polizisten Polidorio bilden dabei den Dreh- und Angelpunkt, denn er untersucht den Mordfall der Kommune, ebenso wie er sich auf der Party eines amerikanischen Schriftstellers aufhält, bei dem alle zentralen Figuren erstmals zusammenkommen.

Im 2. Buch wacht der von einer Amnesie betroffene Protagonist auf – und hier entwickelt sich die eigentliche Handlung des Spionage- oder Agententhrillers. Interessant ist es ja, wie Herrndorf hier das Genre ad absurdum führt: Der Protagonist erinnert sich weder an seinen Namen, noch daran, wie er in die Scheune kam. Er weiß nichts mehr aus seinem früheren Leben. Nach dem Schildchen in seinem Hemd nennt er sich Carl. Er flieht vor einigen kriminellen Gestalten und versucht derweil herauszufinden, wer er eigentlich ist. Damit kann man den Rest des Buches grob zusammenfassen.

Der Roman spielt sehr schön mit den klassischen Strukturen eines Agententhrillers. So wird Carl immer wieder durch scheinbare Zufälle oder durch die Manipulation anderer an irgendwelche Orte versetzt. Er handelt teilweise sehr sprunghaft und reagiert quasi immer auf äußere Einflüsse, die ihm neue Hinweise zu seiner Identität versprechen. Zudem haben wir mit Helen eine Figur, die sehr subtil manipuliert und seine Handlungen ihm unbewusst steuert. So fühlt sich Carl während der kompletten Handlung hilflos. Er springt von einem Ort zum anderen, ohne ein festes Ziel zu haben. Auch der Leser wird in diesen Strudel des Unwissens gezogen. Innerhalb der Geschichte wird dies aber immer wieder reflektiert. Carl fragt sich beispielsweise, ob der Psychiater ein echter Psychiater oder ein Hochstapler ist. Er kommt zu dem Schluss, dass ein Hochstapler sich mehr Mühe gegeben hätte, wie ein Psychiater zu wirken und es sich deshalb nicht um einen Hochstapler handeln könne.

Einzig das Ende bricht mit den klassischen Agententhrillern, aber ich möchte hier nicht zu viel verraten 😉 Fest steht, dass alle losen Fäden aufgelöst werden. Und das sind wirklich viele – bei genauem Lesen kann man eine solche Vielfalt an Verknüpfungen entdecken, dass ich wirklich froh war, das wir diesen Roman zu viert vorgestellt haben. Alleine wäre ich dieser großen Aufgabe wahrscheinlich gar nicht gewachsen gewesen! Umso beeindruckter bin ich, mit welcher Virtuosität Herrndorf alle Fäden zusammenlaufen lässt! Ich meine, schaut euch einfach nach dem Lesen mal das erste und das letzte Kapitel an und vergleicht diese beiden miteinander!


Im Seminar 

Wir haben uns im Seminar mit einigen interessanten Themengebieten beschäftigt. Zwei davon möchte ich euch exemplarisch vorstellen: Die Identität des Protagonisten und die Frage, wer erzählt eigentlich? Daneben haben wir auch über Afrika und Kolonialisierung gesprochen, haben uns die Ironie im Roman und die gegenwartsbezogenen Anspielungen näher angeschaut, über die fantastischen Elemente diskutiert und vieles mehr. Da der Roman so viele Dinge in sich verbirgt, bietet sich hier tatsächlich eine größere Fülle an Themengebieten über die man sprechen kann, als viele von uns wohl erwartet hatten.

Wer ist Carl?

Dazu durfte ich einen Vortrag halten, was mir großen Spaß machte. Im Buch selbst werden viele Hinweise zu Cetrois gegeben, alle aufzugreifen, würde hier zu weit führen. Ich möchte jedoch als Denkanstoß gerne eine Szene aufgreifen: Der Protagonist erwacht in besagter Scheune und irrt durch die Wüste. Zwei Möchtegern-Gangster, die mit dem Jeep durch die Wüste düsen, treffen auf ihn und nehmen ihm sein Portemonnaie ab. Dort finden sie drei Zettel (sprich Ausweise): einen grünen, einen weißen und einen roten. Und jetzt die Quizfrage: Welche Figur verfügt über drei Ausweise, was im Buch an unterschiedlichen Stellen versteckt ist? (Auflösung ganz am Ende)

Folgende Indizien geben Hinweise auf die Identität Carls:
– Araber mit europäischem Hintergrundwissen (Sprache, musikalische Vorliebe)
– Ausweis mit Namen Cetrois
– Café-Szene mit Ludgren- Vergleich der beiden geschilderten Wahrnehmungen
– Flucht / Schlag auf den Kopf
– Amnesie / Gründe/ Wahrscheinlichkeit

Notizen aus meinem Vortrag

Der Vortrag hat mir großen Spaß gemacht. Wir haben heiß diskutiert, ob meine These wohl stimmen kann. Dazu haben wir uns diverse Textstellen angeschaut und gleichzeitig über die Chronologie im Buch nachgedacht. Der Roman schildert nämlich einige Begebenheiten bewusst nicht in zeitlicher Reihenfolge, sodass es mitunter schwieriger ist, Dinge in Bezug zueinander zu setzen.

Wer erzählt?

Es gibt nur ein paar Verweise auf den Erzähler, aber eine davon hat es in sich: Bereits im ersten Buch in Kapitel 8 tritt der Erzähler kurz in Erscheinung. Inmitten einer Schilderung von Helens Weg zum Hotel  gibt es auf einmal einen starken Bruch und der Leser findet sich mit dem Erzähler auf dem Dach ebenjenes Hotels wieder. Von dort beobachtet der Erzähler, zum Zeitpunkt der erzählten Handlung ein kleiner Junge, Helens Ankunft im Hotel:

Die Frage, ob ich am letzten Augusttag des Jahres 1972 auch dort oben gestanden und die amerikanische Touristin und den einarmigen Taxifahrer bemerkt habe oder ob hier eine Fotografie meine Erinnerung überlagert, kann ich heute nicht mehr mit Bestimmtheit beantworten.

Sand, Erstes Buch: Das Meer, Kap. 8, S. 49

Zudem wird hier deutlich, dass der Erzähler kein unbedingt glaubwürdiger ist. Er könnte das Geschehen zwar beobachtet haben – sicher ist er sich dessen jedoch nicht. Zudem gibt er auch an anderer Stelle zu, dass er die Handlung erst im Nachhinein zusammen konstruiert hat.

In einem Brief schrieb Heather Gliese mir, ihre Mutter habe ein glückliches und erfülltes Leben geführt und sei rüstig, bei guter Gesundheit und wenige Tage vor ihrem zweiundsiebzigsten Geburtstag sanft entschlafen. Sie hinterlasse vier Enkel, ihre Bibliothek umfasse achttausend Bände in mehreren Sprachen, und ein immer wiederkehrender Alptraum, der sie in ihren mitleren Jahren eine Weile lang beunruhigt hatte bis hin zu einer unangenehmen Form der Schlaflosigkeit, sei zuletzt von selbst wieder verschwunden, ohne die Hilfe eines Therapeuten.

Sand, Fünftes Buch: Die Nacht, Kap. 65, S 451

Der Erzähler KANN also gar nicht viele Details wissen, er hat sie rekonstruiert, sich möglicherweise fehlendes hinzugedichtet. Wie glaubwürdig ist also dieser Erzähler, der sich sonst als allwissend gebärdet? Geht es in dem Roman vielleicht gar nicht um eine wirkliche Handlungskonstruktion sondern stattdessen um die Wahrscheinlichkeit einer Handlungsabfolge?


Hier geht’s zum Buch

Sand von Wolfgang Herrndorf

Rowohlt Taschenbuch Verlag

475 Seiten, 9,99 Euro

978-3-49925-864-0

Hier geht’s zu Wolfgang Herrndorf „Bilder deiner großen Liebe“


Weitere Meinungen zu Sand:

schiefgelesen

Der reisende Reporter

Literaturblog (Projekt der TU Dortmund)

Merkur (zum Tod Herrndorfs aber auch zu Sand, der als letzter Roman erschien)


Auflösung:

Der Polizist Polidorio hat neben seinem Personalausweis (weiß) auch einen grünen Polizeiausweis. Außerdem wird geschildert, dass er und Canisades unbeschriftete rote Spezialausweise noch aus Kolonialzeiten finden:

dann fiel aus einer umgestürzten Hängeregistratur ein Packen Spezialausweise aus der Kolonialzeit. Sie spannten die Ausweise in die Schreibmaschine, trugen Phantasienamen ein und stolperten damit im Licht des hereinbrechenden Tages gemeinsam ins Bordell ( „Sonderermittler des Tugendkomitees, Bédeux mein Name“)

Sand, Erstes Buch: Das Meer, Kap. 2, S. 10

 

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5 Gedanken zu “„Sand“ von Wolfgang Herrndorf

  1. Ich fand die Konzeption von „Sand“ genial, aber die letzten Kapitel sehr nervenzerreißend, mit den Folterszenen und Carls Überlebenskampf. Wie hast du das gesehen? Vor allem, weil es kein Happy End für ihn gibt? Der ganze Zustand des Lands wird eigentlich ziemlich hoffnungslos dargestellt.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich fand es genial! 😀 Herrndorf nimmt eben genau die Strukturen eines klassischen Agentenromans auf die Schippe. Daher DURFTE es gar kein Happy End geben. Besonders die Sinnlosigkeit von Carls Ende fand ich sehr gut gemacht…
      Besonders über das erste und letzte Kapitel haben wir lange diskutiert. Im Prinzip geht es dort ja darum, wie ein Bildungssystem entwickelt werden kann und auch um die Frage, welche Folgen das haben würde. Zudem wird ja auch die Entwicklung von Slums thematisiert und eben die gesamte Kolonialisierung (im gesamtem Buch). Ich fand es wirklich stark, wie viele unterschiedliche Aspekte Herrndorf so subtil unterbringen konnte, dass man wirklich erst bei längerem Nachdenken darauf kommt!

      Gefällt 1 Person

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